Eine Wikipedia-Fallstudie / Synagoge Stommeln
15.12.2024 bis 12.01.2026 / Versionsgeschichte, Erinnerung, Korrektur

Wie eine Ortsgeschichte zur Wikipedia-Erzählung wird

Nicht ein einzelner falscher Satz ist hier das Problem, sondern die allmähliche Verwandlung von Erinnerung in Dramaturgie: von „fingiert“ zu „eingefädelt“, von Lager zu Vorratslager, von Nachkriegslücke zu Rückgabe.

Dr. Tanja Wolff Metternich
Akt I / Verschiebung

Wie aus einer komplexen historischen Lage eine eingängige Ortsgeschichte wird

Gefährlich wird Erinnerung nicht erst dann, wenn offen gelogen wird. Gefährlich wird sie schon dann, wenn sich eine Geschichte Satz für Satz in die bequemere Richtung bewegt.

Gefährlich wird Erinnerung nicht erst dann, wenn offen gelogen wird. Gefährlich wird sie schon dann, wenn sich eine Geschichte Satz für Satz in die bequemere Richtung bewegt. Genau das lässt sich am Wikipedia-Eintrag zur Stommeler Synagoge beobachten: Aus einer komplexen historischen Lage wird nach und nach eine eingängige Ortsgeschichte. Erst heißt es, ein Kauf sei „fingiert“ worden, dann wird er „eingefädelt“, aus einem Lager wird ein „Vorratslager“, und aus einer jahrzehntelangen Nachkriegslücke am Ende fast beiläufig eine Rückgabe. Kein einzelner Satz allein erklärt das Problem, aber zusammen formen sie eine Dramaturgie, die beruhigt, wo Geschichte eigentlich verstören müsste.

Am Anfang stand noch eine relativ knappe, sachliche Darstellung. Im Kern hieß es: Das Gebäude wurde 1937 verkauft, und als SA-Männer es im November 1938 anzünden wollten, erklärte der Besitzer, es sei keine Synagoge mehr. So überstand das Gebäude den Pogrom.

Synagoge Stommeln in Schwarzweiss
Die Stommeler Synagoge als Gebäude. Die Auseinandersetzung auf Wikipedia betrifft nicht ihr Überleben als Baukörper, sondern die Erzählung, die darum gelegt wird.

Dann kam am 15. Dezember 2024 die erste entscheidende Verschiebung. Der Benutzer CSschauff ergänzte nicht den ganzen Abschnitt neu, sondern nur einen zusätzlichen Satzblock. Er lautete:

Wikipedia-Zusatz / 15.12.2024

„Die Gemeinde Stommeln war sehr eng verbunden und der Kauf sollte vorgetäuscht werden, um die Synagoge vor dem Abriss durch die SA zu schützen. Nach dem Krieg wurde es zurückgegeben.“

Dieser Zusatz wirkte klein. Tatsächlich veränderte er den ganzen Sinn. Plötzlich war da nicht mehr nur ein Verkauf und eine spätere Rettung des Gebäudes vor Ort, sondern ein neues Narrativ: eine eng verbundene Gemeinde, ein bewusst fingierter Kauf, ein Schutzplan, später Rückgabe. Aus einem historischen Vorgang wurde ein moralisch stimmiger Handlungsbogen.

Noch aufschlussreicher ist der Bearbeitungskommentar von CSschauff. Dort heißt es:

CSchauff / Bearbeitungskommentar / 15.12.2024

„Ich war 2008 im Rahmen des Familientreffens der Familie Schauff in der Synagoge, und die Geschichte wurde uns in einer sehr bewegenden Zeremonie erzählt. Es waren Cousins meines Großvaters, der vor den Nationalsozialisten nach Brasilien floh, die den Kauf fingierten und so die Synagoge retteten. Tatsächlich wurde sie, als die SA eintraf, bereits zur Lagerung seines Warenbestands genutzt.“

Genau hier zeigt sich das Problem in aller Klarheit. Eine „sehr bewegende Zeremonie“, eine Familienerzählung, eine emotional starke Überlieferung, all das hat seinen Platz. Aber es ist nicht automatisch eine belastbare enzyklopädische Quelle. Trotzdem begann von hier aus die Verschiebung.

Akt II / Umbau

Wie aus mündlicher Überlieferung ein scheinbar feststehender Vorgang wird

Solche Veränderungen kommen nicht als großer ideologischer Angriff daher. Sie kommen in Form von zwei Sätzen. Dann einer Umformulierung. Dann eines eingebauten Details.

Der nächste Schritt folgte am 11. Februar 2025. Der Benutzer M Huhn strich die problematische Erzählung nicht etwa, sondern baute sie tiefer in den Fließtext ein. Nun stand dort:

M Huhn / 11.02.2025

„Im Mai 1937 verkaufte die jüdische Gemeinde Köln als Rechtsnachfolgerin das Synagogengebäude an den benachbarten Landwirt, der es als Schuppen nutzte. Der Verkauf an ihn wurde eingefädelt, um die Synogoge zu retten. Der Davidstern an der Fassade wurde mit Mörtel überdeckt, und der Käufer verpflichtete sich, das Gebäude aus Rücksicht auf seine sakrale Vergangenheit nicht als Viehstall zu nutzen.“

„Als am 10. November 1938 SA-Männer das Gebäude anzünden wollten, wies der Besitzer darauf hin, dass es sich bei dem Gebäude, welches sich nun in seinem Besitz befand, nicht mehr um eine Synagoge handele. … Die Gemeinde Stommeln war sehr eng verbunden … die Synagoge rechtzeitig als ‚Vorratslager‘ gefüllt. So rettete er das Gebäude vor dem Vandalismus der SA und dem Abriss. Nach dem Krieg wurde das Gebäude der jüdischen Gemeinde zurückgegeben.“

Damit war aus einem nachträglich angehängten Zusatz endgültig eine durchgehende Geschichte geworden. Aus „sollte vorgetäuscht werden“ wurde nun „wurde eingefädelt“. Aus einer mündlichen Überlieferung wurde ein scheinbar feststehender historischer Vorgang. Und mit dem Wort „Vorratslager“ bekam die Erzählung sogar noch ein anschauliches Detail, das sie plausibler und erzählerisch runder machte.

Genau an diesem Punkt wird es erinnerungspolitisch heikel. Denn die Sache ist nicht deshalb problematisch, weil eine lokale Geschichte von Mut und Geistesgegenwart erzählt wird. Problematisch ist sie, weil sie die nationalsozialistische Wirklichkeit glättet. Die Gewalt der Pogromnacht erscheint dann fast nur noch als Hindernis, das durch kluges Handeln überwunden wurde. Die Entrechtung der jüdischen Gemeinde verschwindet hinter einem Rettungsmanöver. Und der Satz „Nach dem Krieg wurde das Gebäude der jüdischen Gemeinde zurückgegeben“ erzeugt den Eindruck einer zügigen Wiedergutmachung, wo tatsächlich eine lange Nachkriegslücke bestand.

Das Entscheidende ist: Solche Veränderungen kommen nicht als großer ideologischer Angriff daher. Sie kommen in Form von zwei Sätzen. Dann einer Umformulierung. Dann eines eingebauten Details. Und plötzlich liest sich der Abschnitt nicht mehr wie eine historische Rekonstruktion, sondern wie eine lokal überlieferte Legende mit Happy End.

Akt III / Korrektur

Warum die Korrektur notwendig war

Weniger schön erzählt. Historisch sauberer.

Genau deshalb war unsere Korrektur notwendig. In der späteren, überarbeiteten Fassung wurde der Abschnitt auf überprüfbare Informationen zurückgeführt: keine Gottesdienste mehr seit etwa 1930, Auflösung der Stommeler jüdischen Gemeinde und Eingliederung in die Kölner Synagogengemeinde, Verkauf am 14. Mai 1937 an Anton Pütz, Vertragsklausel zu „keinen Viehställen“, überdeckter Davidstern, zusätzlicher Eingang, und in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Konfrontation mit einem aus Pulheim anrückenden SA-Kommando, begleitet von HJ-Mitgliedern und mit Benzinkanistern ausgestattet. Das ist weniger schön erzählt. Aber es ist historisch sauberer.

Die Stommeler Synagoge hat als Gebäude überlebt. Das jüdische Leben in Stommeln hat es nicht. Eine tröstliche Rettungssaga verschiebt den Blick weg von Verfolgung, Auflösung und Verlust.

Als Initiative haben wir deshalb nicht nur vor Ort gearbeitet, sondern auch auf Wikipedia. Wir haben zentrale Einträge zur jüdischen Geschichte in Stommeln erstellt oder ausgebaut, zur jüdischen Gemeinde, zum jüdischen Friedhof und zur Synagoge, und zwar auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. Unser Ziel war ein verlässlicher, niedrigschwelliger Zugang zu Basisinformationen.

Und manchmal beginnt die Verfälschung schon mit einem einzigen Satz.

Wikipedia-Aktivitäten der Initiative

Web
Version vom 15. Dezember 2024, 18:31 Uhr - CSchauff.
Link
Web
Version vom 11. Februar 2025, 17:57 Uhr - M Huhn.
Link
Web
Korrigierte Version vom 12. Januar 2026, 09:28 - Bzeev.
Link
Web
Initiative „Synagoge Stommeln – Wiederbelebung des jüdischen Erbes“.
Link